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Vereine, Kinos und die 60er-Jahre

Das Vereinswesen und die Kinos spielten eine bedeutende Rolle bei der Freizeitgestaltung im ländlich geprägten Kreis Wittlage. Mit der Zunahme des motorisierten Individualverkehrs, der Verbreitung von elektronischen Medien und den Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt änderte sich auch die Freizeitgestaltung. Über diese spannende Zeit berichtet Dr. Wolfgang Huge im Wittlager Kreisblatt:



"Seit den 1960er-Jahren erlebte auch das kulturelle Leben des Wittlager Landes eine Zeit des Umbruchs. Nach dem Radio trat nach 1960 vor allem das Fernsehen seinen Eroberungszug durch das Wittlager Land an, und ein Komfort, der früher nur dem Städter vorbehalten war, wurde nun auch für den Landmenschen mehr und mehr zur selbstverständlichen Gewohnheit. Waren zuvor noch Zeitung und Radio einzige Informationsquelle, kamen nun mit dem Fernsehen der Blick in die Welt in die Stuben des Wittlager Landes, ebenso wie mit der Mobilisierung durch Auto und andere Verkehrsmittel die Erreichbarkeit des städtischen Lebens immer besser wurde. Mit der Verwischung der vormals bestehend starken Grenze zwischen Stadt und Land gerieten in dieser Zeit auch neue Inhalte des kulturellen Lebens in den Blick der Menschen, von denen man vorher nur wenig wusste und vielleicht auch nur wenig wissen wollte.

Doch trugen zeitgleich noch die traditionellen Formen des kulturellen Miteinanders, die sich zum Teil bis in die heutige Zeit bewahrt haben. Denn auch die Menschen des Landes hatten und haben das Bedürfnis, sich nach Feierabend in der Gemeinschaft Gleichgesinnter zusammenzufinden. Dies geschah zum Beispiel in den Gesangvereinen, denen die Pflege des deutschen Liedgutes ein Bedürfnis und gleichzeitig Gelegenheit für Kontakte und Gedankenaustausch war. So etwa in dem 1842 gegründeten Männergesangverein „Harmonie“ Bad Essen, dem im Jahr 1957 aus Anlass seines 115-jährigen Bestehens die Zelter-Plakette als Anerkennung für seine gesanglichen Leistungen und für die Treue zum deutschen Lied verliehen wurde. Der Bad Essener Chor ist damit der älteste im Kreise Wittlage. Weitere Chöre, die alle alte Tradition fortsetzen, oder, wie die beiden Vertriebenenchöre, Liedergut der alten ostdeutschen Heimat wach hielten, waren um 1960 noch der Ostdeutsche Chor aus Bad Essen, die Gemischten Chöre aus Hüsede, Wittlage, Linne, Wehrendorf, Wimmer und Bohmte, der Männerchor „Einigkeit“ Rabber, der Flüchtlingschor Rabber, der Männergesangverein Lintorf, der Gemischter Chor „Eintracht“Hunteburg, der Evangelische Kirchenchor Hunteburg sowie die Männergesangvereine in Hunteburg und in Venne – alle im Kreissängerbund zusammengeschlossen.

Neben diesen Chören ist noch der St.-Lamberti-Kirchenchor aus Ostercappeln zu erwähnen, der bei kulturellen Liederveranstaltungen weit über die Grenzen des Wittlager Landes hinaus aktiv war.

Neben den Gesangvereinen nahmen die Posaunenchöre der evangelischen und katholischen Kirche im Musikleben des Kreises einen besonderen Platz ein. Der Posaunenchor aus Brockhausen-Rabber war sogar der älteste Chor in Niedersachsen, der 1951 bereits sein 100-jähriges Bestehen feiern konnte. Er wurde 1851, in der Zeit der Erweckung, gegründet. Als die Freikirche ihr eigenständiges Leben begann, trennte sich um 1880 ein Teil der Mitglieder vom alten Chor und bildete einen eigenen freikirchlichen Chor. Zum 50-jährigen Jubiläum schenkte Herzog Ernst August dem Chor ein Blasinstrument (Helikon), das zwar heute nicht mehr gespielt wird, aber ein wertvolles Erinnerungsstück ist.

Zweitältester Posaunenchor im Kreise war der Bad Essener; er konnte 1962 auf sein 80-jähriges Bestehen zurückblicken. Um 1960 waren des Weiteren der 1874 in der Kirchengemeinde Arenshorst gegründete Chor aus Herringhausen sowie der 1875 gegründete Chor aus Bohmte aktiv, ferner Posaunenchöre aus Barkhausen, Lintorf, Hunteburg und Venne.

Große Tradition hat im Wittlager Land auch das Schützenwesen. In Bad Essen, Bohmte, Bohmterheide, Hunteburg, Venne, Ostercappeln und Schwagstorf wurde einmal im Jahr, in den Monaten Juni und Juli, das Schützenfest gefeiert. Lange Zeit waren dies die größten Volksfeste im Wittlager Land. Ältester Schützenverein ist der Bad Essener, gegründet 1840. Ähnliche Bedeutung hatten die Kreisfeuerwehrfeste und das Kreisturnier der Reitsportler, beides ebenfalls große Zuschauermagnete.

Anziehungspunkt in dieser Zeit waren auch die Bad Essener „Bali“-Lichtspiele, die ein zunächst in Bad Essen, später auch in Bohmte ein abwechslungsreiches Programm boten und so auch immer wieder Anziehungspunkt für „Halbstarke“ wurden, die hier ihre Filmidole bewundern konnten. Mit der zunehmenden Zahl an Motorrädern und Autos wuchs aber auch die Mobilität der Menschen. Und wer selbst kein Fahrzeug steuern konnte, für den standen inzwischen Omnibusse bereit, die mehr und mehr durch das Wittlager Land verkehrten und es mit den nahen Städten Osnabrück und Melle verbanden.

Auf diese Weise wurden etwa die Kino- und Theateraufführungen in der Stadt erreichbar, und es gelangte der Dümmer als beliebtes Reiseziel in erreichbare Nähe. In den 1950er-Jahren stellten Tageszeitungen wie das Wittlager Kreisblatt, Zeitschriften und das Radio für viele Menschen im Wittlager Land die einzigen Informationsquellen dar. Hinzu kam das Kino, das mit seinen Filmen bewegtes Bildmaterial in die Region brachte und in seinen besten Tagen in den 50er-Jahren bis zu 200000 Gäste pro Jahr zählen konnte, was durchschnittlich zehn Kinobesuche pro Einwohner bedeutete. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die Orte Bohmte (im Schobbeschen Saal) und Bad Essen (im Saal Reckum) alle 14 Tage von einem Wanderkino bespielt. Im Januar 1947 erfolgte die Gründung der „Bad Essener Lichtspiele“, denen auch das Bohmter Lichtspieltheater angeschlossen war. Die Bad Essener Lichtspiele fanden 1950 eine feste Heimstadt im Saal des Hotels Reckum, und Bohmte folgte 1957. Wenn in jenen Jahren davon die Rede war, dass die Bewohner des Kreises Wittlage den Film in der technischen Perfektion erleben können, dann hebt dies darauf ab, dass die Bad Essener Lichtspiele bereits 1954 als drittes Lichtspieltheater im gesamten Regierungsbezirk Osnabrück die technischen Voraussetzungen dafür schufen, die damals Bedeutung gewinnenden CinemaScope-Filme spielen zu können. Neben den beiden genannten Orten mit stationären Lichtspieltheatern waren Ostercappeln, Venne und Hunteburg – und bis in die späten 50er-Jahre hinein noch Lintorf – so genannte Lichtspielorte, die von den Bohmter Lichtspielen mitbespielt wurden.

Im Februar 1959 wurden die Bad Essener Lichtspiele in neuem Gewand präsentiert. Die Seitenwände waren nun mit gelber Plastikbespannung versehen, die Rückwand des Theaters in Hellblau gestaltet. Die Pastellfarben der Bespannung korrespondierten mit den großzügigen Karos der Deckenbemalung und dem kühl-sympathischen Silberblau des Bühnenvorhanges aus Spiegelplüsch. Mehrere neue Vorhänge und die Vergrößerung der Bühne schafften Raum und Platz für andere Veranstaltungen. Den Knaller allerdings lieferte die neue Beleuchtung. Formschöne, handgetriebene Messingleuchter mit Resopalglas tauchten den Kinosaal in warmes Licht, während die farbige Bühnenbeleuchtung den Vorhang eigenartig lebendig erscheinen ließ.

Auch der Kinoeingang hatte sich farblich mit dem Saal übereinstimmend gewandelt und trug dazu bei, bei den Besuchern eine festliche, fast theaterähnliche Stimmung aufkommen zu lassen. Seither zeigte sich das Kino in der Form, wie es am Standort Saal Reckum bis in die 1980er-Jahre hinein betrieben wurde. Noch in den 1960er-Jahren waren lange Schlangen an den beiden Kassen nichts Ungewöhnliches. So etwa bei den Karl-May-Filmen. In den 1950er-Jahren hatte der Farbfilm das Kommando an den Lichtspielorten des Altkreises übernommen, musste sich aber gleichzeitig der Konkurrenz des noch schwarz-weißen Fernsehens stellen, das nach und nach zu einer ernsten Konkurrenz heranwuchs, wie ein Blick auf die Zahl der zugelassenen Fernsehgeräte zeigt:

Gab es am 1. Juni 1960 im Kreise Wittlage erst 963 Fernsehgeräte, so stieg diese Zahl in nur neun Monaten bis zum 31. März 1961 um mehr als 35 Prozent auf 1345. Das bedeutete, dass im Kreis Wittlage nunmehr etwa jeder 20. Bewohner ein Fernsehgerät besaß."

WKR 18.11.2009
 
Gemeinde Ostercappeln
http://www.ostercappeln.de
erstellt am 18.11.2009